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03.03.2021: Klimafolgen und Diversity in den medizinischen Staatsexamina verankern

Mainz, 3. März 2021 – Welche Auswirkungen hat der Klimawandel auf unsere Gesundheit? Wie können sich Krankheitssymptome geschlechtsspezifisch ausprägen, beispielsweise bei einem Herzinfarkt? Wie wirken Medikamente unterschiedlich bei Männern und Frauen? Was müssen Medizinerinnen und Mediziner wissen, um Patientinnen und Patienten unabhängig von ethnischer Herkunft oder kulturellem Hintergrund wirksam zu behandeln? Diese Fragestellungen umreißen neue Aufgaben, mit denen sich Ärztinnen und Ärzte in der Praxis konfrontiert sehen. Um diese Aspekte in den Prüfungen des Staatsexamens abzubilden, hat das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP), das verantwortlich für die Inhalte und Auswertung der bundesweiten schriftlichen Staatsprüfungen in der Medizin ist, zwei neue Arbeitsgemeinschaften (AG) gebildet. Die AG „Klima, Umwelt und gesundheitliche Folgenabschätzung“ und die AG „Gender und Diversity“ werden diese Themen in die sogenannten Gegenstandskataloge (GK) des IMPP überführen, in denen die Prüfungsinhalte für die Absolventinnen und Absolventen erfasst sind.

Das Begriffspaar Gender und Diversity umfasst auch soziökonomische Merkmale einer Person. Einkommensarmut wirkt sich auch in einem Sozialstaat indirekt oder unmittelbar auf die Gesundheit aus, statistisch ist eine um mehrere Jahre verringerte Lebenserwartung nachweisbar. Aktuell hat die Berichterstattung über die Covid-19-Pandemie weitere Aspekte in das Bewusstsein der Öffentlichkeit gerückt, beispielsweise die Zunahme von häuslicher Gewalt oder von Depressionen. Beengte Verhältnisse und Ausgehverbote begünstigen diese Krankheitsbilder. Angehende Ärztinnen und Ärzte sollten diese Zusammenhänge verstehen, um ihre Patientinnen und Patienten gut zu behandeln. Auch bei der medikamentösen Behandlung wird beispielsweise immer deutlicher, dass viele Arzneien je nach Geschlecht des Behandelten nachweisbar unterschiedlich stark wirken. Unter dem Klimawandel, konkret unter Hitzewellen, leiden hingegen insbesondere ältere Menschen sehr stark. Neben Hitzeschlagopfern treten auch bestimmte Krankheitserreger vermehrt auf.

„Gender, Diversity, Armut und der Klimawandel sind jeweils für sich betrachtet Meta-Themen, die vielfältige direkte und indirekte Folgen für die Gesundheit der Menschen haben und sich teilweise wechselseitig beeinflussen und verstärken. Deswegen werden die beiden neuen Arbeitsgemeinschaften eng zusammenarbeiten und sich dabei mit anderen beteiligten Berufsgruppen abstimmen, wie den Pflegekräften und Sozialarbeitern“, sagt Professorin Jana Jünger, Direktorin des IMPP. Aus den Ergebnissen der AGs werden neue Lernziele für die Studierenden der Medizin, Pharmazie, Psychotherapie und Zahnmedizin entwickelt.

„Interprofessionelle Geschäftsstelle“ des IMPP geht an den Start

Die neue „Interprofessionelle Geschäftsstelle“ des IMPP koordiniert die Arbeit der rund 100 Expertinnen und Experten der beiden AGs, um einen Auftrag aus dem „Masterplan Medizinstudium 2020“ zu verwirklichen, der eine grundlegende akademische Reform des Humanmedizinstudiums anstrebt und dabei auch jüngste gesellschaftliche Entwicklungen berücksichtigen wird. „Die Überarbeitung der Gegenstandskataloge des IMPP ist ein permanenter Entwicklungsprozess, um jeweils aktuelle politische Anliegen und gesellschaftliche Herausforderungen in den Prüfungen zu berücksichtigen. Die große Resonanz in den Fakultäten, Fachgesellschaften, Verbänden und Institutionen des Gesundheitswesens sowie die Bereitschaft, hochrangige Vertreter zu benennen, zeigen wie wichtig diese Herausforderungen für die Gesundheitsberufe sind. Wir freuen uns besonders über das große Engagement der Studierenden“, sagt Professorin Jana Jünger, Direktorin des IMPP.

Der Begriff „Gegenstandskatalog“ beruht auf einer älteren Übersetzung des englischen „learning objectives“, die damals als „Gegenstände“ übersetzt wurden. Der GK enthält also die Prüfungsgegenstände, die im Vorfeld für die verschiedenen Prüfungsabschnitte festgelegt wurden und für jeden Prüfungsteilnehmer verfügbar sind. Die Gegenstandskataloge werden stets gemeinsam mit Sachverständigen, Fachexpertinnen und Experten sowie den medizinischen Fakultäten erstellt. „Dank unseres Netzwerkes und unserer Kooperationspartner in den Fakultäten und Gesundheitsberufen konnten wir auch für den Klimafolgen-Komplex sowie die Diversity-Themen anerkannte Fachleute gewinnen, die ihr Wissen einbringen“, erläutert IMPP-Direktorin Jana Jünger. Um die Koordination kümmern sich Dr. Jens Hammann, der die „Interprofessionelle Geschäftsstelle“ im IMPP leitet, und Susan Freiberger, die sich um die organisatorische und administrative Koordination kümmert.

Stimmen zur „Interprofessionellen Geschäftsstelle“ des IMPP

„Im Zuge der Weiterentwicklung der Gegenstandskataloge bündelt das IMPP die Ideen der Fachleute, bevor diese in konkrete Prüfungsfragen überführt und einem strengen Reviewverfahren unterzogen werden. Schließlich werden diese Themen in den Staatsexamina geprüft.
So sorgen wir für kompetente Berufsanfänger und verbessern die Gesundheitsversorgung in Deutschland.“
Prof. Dr. Jana Jünger, MME (Bern), Direktorin des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP)

„Die GK-Kommission des IMPP hat beschlossen, die beiden neuen Arbeitsgemeinschaften ins Leben zu rufen, um die Lebensrealität im Gesundheitswesen zukünftig noch besser abbilden zu können. Dabei leitet uns stets die Frage, welche Inhalte sind für Studierende und Patientinnen und Patienten relevant.“ Prof. Dr. Eckhard Nagel, Geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften der Universität Bayreuth sowie Vorsitzender der GK-Kommission am IMPP

„Leider fehlt in der Praxis vielen Medizinerinnen und Medizinern das Wissen, das auch in Deutschland arme und sozial benachteiligte Menschen häufig unterversorgt sind. „Die Ärzte sind die natürlichen Anwälte der Armen“, stellte schon Rudolf Virchow fest. Dieser wichtige Identitätsaspekt ärztlichen Agierens muss wieder verstärkt in der Gesundheitsversorgung verinnerlicht und praktiziert werden. Umso mehr freut es mich, dass der Masterplan Medizinstudium und das IMPP auch Aspekte von ethischer Herkunft, Religion, sowie Flüchtlings- und Obdachlosenhilfe zum Thema machen.“ Prof. Dr. Gerhard Trabert, Sprecher für den Bereich Diversity in der AG „Gender und Diversity“, Professor für Sozialmedizin und Sozialpsychiatrie im Fachbereich Sozialwesen der Hochschule RheinMain sowie Vorsitzender von „Armut und Gesundheit in Deutschland e.V.“

„Die Themenbereiche Gender und Diversity betreffen die ganze Gesellschaft. Eine konkrete Verankerung in die Lernzielkataloge und somit in die medizinischen Staatsexamina scheint daher äußert wichtig und ist lange überfällig. Es wird damit die Möglichkeit geschaffen, dass zukünftige Medizinerinnen und Mediziner für Gender und Diversity sensibilisiert und sie damit noch besser auf ihre zukünftigen Tätigkeiten vorbereitet werden. Die medizinische Versorgung kann davon nur profitieren.“
PD Dr. Christian Brünahl, Sprecher für den Bereich Gleichstellung der AG „Gender und Diversity“ und Leiter der Masterplan-Gruppe am IMPP

„Klimawandel und weitere Umweltveränderungen stellen eine sehr große Gefahr für menschliche Gesundheit und Wohlergehen global und lokal dar. Die notwendigen Anpassungsmaßnahmen, aber vor allem auch das Potenzial zum integrierten Klima-, Umwelt- und Gesundheitsschutz müssen Menschen in allen Gesundheitsberufen verstärkt lernen und anwenden. Dafür muss es auch in den Prüfungen abgebildet werden.“ Dr.med. Eva-Maria Schwienhorst-Stich, Sprecherin der AG „Klima, Umwelt und gesundheitliche Folgenabschätzung“. Ärztin und Leiterin der Lehrklinik am Universitätsklinikum Würzburg.